Herr Remmer Meyer-Fennekohl, Organisator der
Herbstakademie Physik, begrüßte uns. Zuerst erwartete uns ein Vortrag von
Professor Paul, der aber nicht mit dem Namensgeber des Hörsaals verwandt oder
verschwägert ist. Der abwechslungsreiche Vortrag mit 17 (!) tollen Versuchen
sollte anschaulich die Frage klären, ob man Strom sehen kann. Bei so vielen
Experimenten kam es schon mal vor, dass Herr Paul sich mehr auf besonders verständliche
Erklärungen konzentriert hatte und die Reihenfolge nicht so recht beachten
wollte. Dann war es schon hilfreich, dass Herr Kortmann, physikalischer
Assistent und die gute Seele im Hintergrund, aufgepasst hatte und das nächste
Experiment vorbereitet hatte.
Wir
sind von Strom abhängig. Das merken wir aber erst, wenn der Strom ausfällt,
wie kürzlich in den USA und auch in Europa passiert. Wie können wir denn jetzt
dieses ominöse Phänomen Strom sichtbar machen. Ein einfacher Versuch, den
wahrscheinlich jeder Schüler in der einen oder anderen Variante kennen lernt,
braucht ein Katzenfell, einen Plastikstab und einen Alukegel an einem Faden
aufgehängt. Reibt man den Plastikstab mit dem Katzenfell und hält ihn in die Nähe
des Alukegels, zieht er den Kegel zunächst an. Nach Berührung der beiden stößt
der Stab den Kegel plötzlich ab. Was ist passiert? Wir haben Reibungselekrizität
hergestellt und ihre Wirkung auf Gegenstände kennen gelernt.
Prof.
Paul demonstrierte mit einem alten Polyesterpulli seines Vorgängers, dass
Ladung vom Pulli auf die Haut übergehen kann, die man mit einem Messgerät dann
sichtbar machen kann. Das Phänomen kennen wir alle, wenn wir an der Autotüre
oder an einem Metallgriff eine gewischt kriegen. Strom gesehen, haben wir immer
noch nicht – nur seine Auswirkungen gefühlt.
Nun
wollen wir klären, was Influenz ist. Man stelle sich einen negativ geladenen
Gegenstand vor, auf dem sich die Elektronen drängeln und sich aneinander
quetschen. Auf der anderen Seite habe ich einen Metallstab mit normaler
Ladungsverteilung. Wenn ich nun den Gegenstand einem Ende des Metallstab zeige
– nur zeigen reicht schon – kriegen die Elektronen dort einen derartigen
Schreck, dass sie von diesem Ende des Metallstabs ans andere Ende flüchten. So
habe ich an dem Ende, der auf den negativ geladenen Gegenstand zeigt einen
Elektronenmangel, das Ende ist also positiv geladen. Am anderen Ende, wo sich
die Elektronen sammeln, ist der Metallstab negativ geladen. Ist doch einfach,
oder?
Einen
Ausflug in die – zumindest für manche Leute – lustige Geschichte der
Elektrizität führt uns nach Frankreich unter Ludwig XV. Der hat in Behältern
Ladung gesammelt. Dann mussten sich 180 Soldaten, die natürlich von nichts
einen Ahnung hatten, sich an den Händen fassen. An jeder Seite der
Soldatenschlange fasste ein armer Teufel an das Influenzgerät. Die adeligen
Leute erfreuten sich dann an dem gleichzeitigen Gehopse der erschreckten
Soldaten.
Mit Influenz kann man aber auch harmlose Experimente machen und kleine Motoren
antreiben. Danach zeigte Professor Paul die geräuschvolleren und von
sichtbarerer Energieentladung begleitete Experimente bis hin zum Faradayschen Käfig.
Ein mutiger Eric aus Wermelskirchen stellte sich als Versuchskaninchen zur Verfügung.
Das Experiment soll beweisen, dass man in einem Käfig - im reellen Leben entspräche
er dem Auto - am sichersten ist vor Blitzen bei Gewitter. Einige zigtausend Volt
zischten an Eric vorbei, der nach Abschluss des Experimentes unbeschadet aus dem
Käfig heraus kroch.
Wusstet
ihr, dass man mit schwachem elektrischen Strom eine Kerze auspusten und mit
starkem die Kerze wieder anzünden kann? Leuchtstoffröhren, Gasentladungsröhren
inklusive der Ablenkung durch Magnete wurde vorgeführt. Aber Strom gesehen
haben wir immer noch nicht! Das ist aber auch schwer. Wenn man sich vorstellt,
dass ein Elektron so unendlich klein ist. Das Verhältnis zwischen Atom und
seinem Elektron, dass es umkreist ist ungefähr ein Verhältnis wie ein Centstück
zur Erde. Das ist auch der Grund, weshalb wir Strom direkt nie sehen werden,
sondern immer nur seine Auswirkungen auf unsere Welt.
Puh, jetzt hatten wir 1½ Stunden am Stück
aufgepasst, um ja nichts zu verpassen, denn Das wäre auch zu schade gewesen. Da
kam die Viertelstunde Pause gerade recht und schon ging der nächste Vortrag
los. Nun erzählte uns Professor Weinheimer spannendes über moderne Physik.
Moderne Physik beschäftigt sich gerne mit diesen seltsamen Neutrinos. Um das zu
verstehen muss man vorher etwas weiter ausholen.
Ein
Atom besteht aus Atomkern und den Elektronen, die darum "kreisen". So
ein Atomkern besteht wiederum aus Neutronen und Protonen. Neutronen und Protonen
bestehen jeweils aus drei Quarks. Das Problem ist hier, von bestehen zu
sprechen, weil da die Begriffe Masse, Energie und Materie erst mal geklärt
werden müssen. Und schon sind wir mitten drin in der Kernphysik. Das Modell der
Teilchenphysik ist in den letzten Jahrzehnten immer wieder korrigiert worden.
Als man Neutrinos noch nicht kannte, passte das alles nicht so recht zusammen.
Irgendwas fehlte. Nun kennt man Neutrinos, weiß aber nicht so recht, was das überhaupt
ist. Mittlerweile nimmt man drei Neutrinosorten an. Und man behauptet heute
sogar, dass sie Masse haben. Das ist richtig revolutionär! Und wenn man dann
bedenkt, dass uns die Sonne mit ca. 65 Milliarden Neutrinos pro Sekunde und cm2
beschießt, könnte man direkt Angst kriegen. Das ist aber halb so wild. Die
Dinger schaden uns nicht.
Das sind für Physiker wirklich
weltbewegende Dinge. Doch obwohl Herr Professor Weinheimer wirklich verständlich
und spannend geredet hatte und man ihm seine Begeisterung deutlich ansehen
konnte, waren die manchmal sehr theoretischen Grundlagen doch ein wenig zu
schwer für unsere Schüler der 7. Klasse.
Wir gingen nach dem Vortrag zu den anderen
wichtigen Dingen des Lebens über: Essen! Leider konnten wir nicht wie geplant
in die Mensa, denn die hat ja auch mal Wochenende! Herr Wentz spendierte den Schülern
Brötchen. Das reichte einigen Pappenheimern nicht, die sich dann noch Pommes
und Döner organisierten. Derart gestärkt konnten wir den Nachmittag angehen.
Da
unsere Gruppe wegen der Altersstufe aus dem Rahmen fiel, bekamen wir einen
Sonderführung für uns ganz alleine. Herr Eversheim vom Institut für Strahlen-
und Kernphysik nahm sich unserer Schüler an. Wir gingen zusammen in einen
kleinen Seminarraum des Instituts, wo auch schon zwei fleißige Helfer,
Physikassistenten aus Indien, bereit standen.
Wir
wiederholten noch einmal kurz die Sache mit Atom, Atomkern und Elektronen. Herr
Eversheim erklärte die Größenverhältnisse am Kölner Dom. Wenn man um den Kölner
Dom herum einen Kreis zeichnet, so dass er bequem reinpasst, hat man ungefähr
die Bahnen der Elektronen. Legt man in diesen Kreis einen Kirschkern, entspräche
das ungefähr der Größe des Atomkerns.
Was
ist nun ein Elektron? Der Name hat etwas mit Bernstein zu tun. Das kommt aus der
Antike. Dort hat man gemerkt, dass Bernstein Staub anzieht, wenn man ihn reibt -
der Horror einer jeden Hausfrau.
Über
das chemische Elementesystem mit seinen stabilen und instabilen Stoffen kamen
wir zu der Frage: Was ist Halbwertzeit? Die Antwort ist nicht leicht zu
verstehen. Stell Dir vor da ist ein Stoff und nach einer Minute ist nur noch die
Hälfte da! Stimmt, geht mir abends mit der Schokolade vorm Fernseher auch immer
so!
Noch
einmal bekamen wir das Experiment mit Stab und Kugel am Faden zu sehen, nur das
das Hemd von Herrn Eversheim das Katzenfell ersetzte.
Ein
weiterer Ausflug in die Geschichte präsentierte ein Kind an mehreren Seilen
aufgehängt. Dann ließ man eine Kugel an seinen Füßen schnell rotieren, was
ja die bereits bekannte Reibungselektrizität produziert. Dann machten sich
andere Kinder einen Gaudi daraus, das aufgeladene Kind anzufassen. Das macht den
bekannten "Witscher", den wir beim Griff an die Autotüre eigentlich vermeiden
wollen. Die Leute damals fanden das anscheinend witzig!
Endlich
haben wir auch verstanden, wie beim Gewitter die Blitze entstehen. Ist
eigentlich ganz logisch. Gewitter entstehen immer, wenn warme, feuchte Luft auf
kalte Luft trifft. Die warme Luft steigt immer nach oben. Beim Aufsteigen kühlt
sie ab und das Wasser wird zu Eis. Irgendwann ist das Eis zu schwer und sinkt
wieder nach unten. Und so gibt es in Gewitterwolken zwei Flussrichtungen: die
der warmen feuchten Luft nach oben, und die des Eises nach unten. Und was
entsteht? Richtig: die bekannte Reibungselektrizität. Es gibt übrigens drei
Arten Blitze: die von einer Wolke zur Erde, das umgekehrte von Erde zu Wolke und
die häufigsten Blitze sind innerhalb von Wolken.
Herr
Eversheim hat uns mit allerlei magnetischen und nichtmagnetischen Materialien
vertraut gemacht. Es gibt eigentlich nur drei Materialien, die magnetisch sind:
Eisen, Kobalt und Nickel. Verblüfft haben uns zwei winzig kleine, aber sehr
wirkungsvolle Magnete. Der erste Eindruck war: „Och wie süß!“ Wenn man die
Dinger aber partout nicht auseinander bekommt, oder nur die Starken unter uns,
dann guckt man die Dinger doch mit mehr Respekt an.
Überhaupt
waren die Experimente zum Anfassen und Ausprobieren spannend. Ihre Kraft konnten
Schüler und Erwachsene an einer seltsamen Konstruktion erproben. Herr Eversheim
hatte einen alten Schleifstein mit einer Lichtmaschine aus dem Auto kombiniert
und vier Glühbirnen angeschlossen. Man konnte an einer Kurbel drehen und
erzeugte so Strom. Nach und nach wurden die Glühbirnen angeschaltet und spätestens
bei der vierten ging der Hebel so schwer zu drehen, dass selbst die stärksten
aufgaben.
Wir
haben im Keller des Instituts den Vorraum zum Teilchenbeschleuniger besichtigt.
Alleine die Vielzahl der Geräte, kilometerweise Kabel und unüberschaubare
Schaltermengen war beeindruckend. Leider durften wir den Teilchenbeschleuniger
selbst nicht betreten. Das ist erst ab dem 16. Lebensjahr vom Gesetzgeber
erlaubt.
Weder
Redner noch Zuhörer bekamen genug und wir haben uns direkt zum nächsten
Treffen verabredet. Wir kamen gut eine Viertelstunde zu spät zu den Eltern, die
uns abholten. Ich weiß nicht wie es den anderen ging, aber ich bin danach völlig
platt ins Bett gefallen. Das war ein langer, spannender Tag. Herzlichen Dank an
alle, die ihn uns ermöglicht haben, besonders den Professoren und Assistenten
der Universität Bonn, den Eltern, die uns hin und her gefahren haben und auch
den Pfarrern, die den Konfirmantenunterricht an diesem Samstag erlassen haben.
(Ingo Wentz)
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